Krisenstark - Was hat SoLawi mit Resilienz tu tun?


 

Ein Dienstag Morgen beginnt für Christiane Bez mit dem Räumen von etlichen Kisten: "Alles, was aktuell auf dem Acker und in den Gewächshäusern reif ist, wird heute in die neun Depots für die Mitglieder gefahren", erklärt die Landwirtin, während sie Möhren, Salate, Kräuter, Tomaten, Auberginen, Gurken, Mangold, Frühlingszwiebeln, Kohlrabi, Mais und Zucchini behutsam in die beschrifteten Kisten legt. "Die Ernte in den Sommermonaten ist immer superüppig", sagt sie und hieft die nächste Kiste für das Depot in Münster-Gievenbeck in den Lieferwagen. Dazu kommt frisches Brot aus der kleinen Backstube und Käse aus der Hofkäserei. Am Nachmittag fährt Fahrer Michi seine Runde durch Münster und beliefert die Depots. Rund 200 Familien werden versorgt. Ihnen kann es schonmal egal sein, wie voll oder leer die Regale im Supermarkt sind und ob dort die Gurken und Tomaten wieder teurer geworden sind.

Was auf dem kleinen Hof zum Alltag gehört, ist auf den zweiten Blick eine Besonderheit in der münsterländischen Landwirtschafts-Szene, die ihre Stärke vor allem in Krisenzeiten zeigt.  Wenn Lieferketten plötzlich nicht mehr funktionieren, ist das auf Entrup119 nämlich kein Problem. Leere Supermarktregale während der Corona-Pandemie, unterbrochene Transportwege durch internationale Kriesen bringen den Gemeinschaftshof sehr viel weniger in die Bedrouille als Supermärkte. Immer mehr Menschen wird in diesen Zeiten klar: Ernährung ist nicht nur eine Frage des Konsums, sondern eine Frage der Vorsorge und letztlich politisch. Denn mit unserer Art einzukaufen entscheiden wir uns für die Art und Weise, wie Lebensmittel hergestellt und vermarktet werden.

Kurze Wege statt globaler Abhängigkeiten 

Seit rund 30 Jahren wirtschaftet Entrup119 ökologisch und der Gemüsebau ist biodynamisch. Das heißt: Alles, was hier wächst, kommt aus einem sich selbst erhaltenden System aus Acker, Pflanzen, Tieren und Menschen. Vielfältige Fruchfolgen und biodynamische Präparate aus Pflanzen, Mineralien und tierischen Bestandteilen verbessern den Boden. Auf Entrup119 reicht alles Natürliche, was vorort ist, damit Pflanzen gut gedeihen und Tiere ernährt werden können. Diese Landwirtschaft braucht keinen Stickstoffünger aus Indien oder Phosphatdünger aus China, deren Preissteigerungen derzeit der industriellen Landwirtschaft das Leben schwer und die Gemüsepreise teuer macht.

 


Auch das Prinzip der Hofbewirtschaft und Produktvermarktung unterscheidet sich grundlegend vom klassischen Supermarktmodell. Denn die Gemeinschaft aus 200 Menschen zahlt mit ihrem monatlichen Beitrag die Arbeit auf dem Hof, also auch die Löhne und Betriebsausgaben. Dafür erhält jedes Mitglied jede Woche einen guten Teil der Ernte und braucht so gut wie keine frischen Produkte mehr woanders einkaufen. Zwischen Acker und Küche steht kein Großhändler, kein Logistikzentrum, kein internationaler Zwischenhandel. Gerade darin besteht der besondere Wert. Während moderne Versorgungssysteme von funktionierenden Transportketten, Energieversorgung und komplexer Infrastruktur abhängen, setzt Entrup119 auf räumliche Nähe und persönliche Beziehungen. Die Ernte bleibt in der Region und die Verantwortung ebenfalls.

Vollständig unabhängig von Wetterextremen, Energiepreisen und Betriebsmitteln ist natürlich auch eine Solidarische Landwirtschaft nicht. Doch die enge Verbindung zwischen Erzeugern und Verbraucherinnen und Verbrauchern schafft Strukturen, die robuster sind als anonyme Lieferketten.

Mehr als eine Einkaufsgemeinschaft

Wer an einem Mitmachtag über den Hof geht, merkt schnell, dass Entrup119 nicht wie ein gewöhnlicher landwirtschaftlicher Betrieb funktioniert. Mitglieder jäten, pflanzen oder helfen bei der Ernte. Manche kommen regelmäßig, andere nur gelegentlich – doch alle kennen den Hof persönlich. So entsteht etwas, das über den Einkauf regionaler Lebensmittel hinausgeht: eine Gemeinschaft, die füreinander einsteht. Fällt die Ernte in einem Jahr schlechter aus, tragen das alle mit und bekommen etwas weniger. Läuft die Saison gut, profitieren alle.

Regelmäßige Mitmachtage und ehrenamtliches Engagement gehören deshalb fest zum Konzept. Der Hof wird damit auch zu einem sozialen Ort, an dem Menschen aus unterschiedlichen Städten und Gemeinden des Münsterlandes miteinander in Kontakt kommen. Die Öko-Modellregion Münsterland hat das Potenzial ausdrücklich hervorgehoben und Entrup119 als besonders gut funktionierendes Beispiel für nachhaltige regionale Ernährungsstrukturen vorgestellt.

Krisenfestigkeit durch Wissen und Fähigkeiten  

An einem Vormittag führt Gemüsebauer Alex eine kleine Gruppe durch die Gemüsefelder. Es geht um die besondere Bedingungen bei der Anzucht und auf dem Acker, wie die Gemüsesorten sich am besten lagern lassen und warum gesunde Böden eine zentrale Grundlage jeder langfristigen Ernährungssicherung sind. Solch praktisches Wissen ist in vielen Haushalten verloren gegangen. Auf Entrup119 gehört Bildung ausdrücklich zum Selbstverständnis. Führungen, Angebote für Kinder und Jugendliche, Mitmachaktionen für Mitglieder und Interessierte sollen zeigen, wie Lebensmittel entstehen. In Zeiten zunehmender Unsicherheit bekommt dieser Bildungsaspekt eine neue Bedeutung. Denn Krisenfestigkeit ensteht nicht allein durch Vorräte, sondern auch durch Fähigkeiten.
 





Wertschöpfung bleibt im Münsterland
Die monatlichen Beiträgte der Mitglieder fließen dirket in den Erhalt der Arbeitsplätze in Altenberge, in nachhaltige Anbaumethoden und in den Naturschutz. Transportwege blieben kurz und Verpackungsmüll gibt es nicht. Wenn Gewinne gemacht werden, investiert die Gemeinschaft das Geld z. B. in eine nachhalitge Bewässerungsanlage, Solarheutrocknung und Photovoltaik. Die langfristige Zukunftsfähigkeit des Hofes hat immer Priorität.
 
Angesichts zunehmender Wetterextreme, geopolitischer Spannungen und wirtschaftlicher Unsicherheiten könnnte die Bedeutung solcher regionaler Versorgungsmodelle weiter wachsen und ein ergänzender Baustein regionaler Resilienz sein.
 
Einzigartiges Modell mit 30-jähriger Geschichte  
 
Bemerkenswert ist die Organisationsstruktur des Hofes. Entrup119 verbindet Verein, Genossenschaft und Solidarische Landwirtschaft. Die Wurzeln reichen bis ins Jahr 1986 zurück. Damals pachtete eine engagierte Gruppe den Hof und gründete den Verein "Initiative zur Erforschung und Förderung des biologisch-dynamischen Landbaus e. V. " 1999 wurde der Hof gemeinschaftlich von der Ruhrkohle AG erworben. Bis heute wird das Projekt von einer Gemeinschaft aus der Region getragen. Die Genossenschaft übernimmt die operative Verantwortung, während die SoLawi-Gemeinschaft den Hof mitträgt - in guten wie in schlechten Zeiten. 
Diese Struktur aus drei Säulen verbindet wirtschaftliche Verantwortung, gesellschaftliches Engagement und ökologische Landwirtschaft auf besondere Weise – und dürfte ein wichtiger Grund dafür sein, dass das Projekt seit Jahrzehnten Bestand hat.
 
 
 
Ein Blick in die Zukunft

Solidarische Landwirtschaft ist eine gute Möglichkeit für kleine Höfe, zu bestehen. Der finanzielle Druck und die Belastungen können von einer Gemeinschaft viel besser gestemmt werden. Was es braucht, ist ein besseres Verständnis in der Bevölkerung für gute Lebensmittel, gesunde Ernährung und der Wille, Verantwortung für die eigene Versorgung zu übernehmen. 
Entrup119 zeigt, dass selbst ein vergleichsweise kleiner Betrieb mit dem richtigen Konzept zu einem wichtigen Baustein moderner regionaler Resilienz werden kann – und dass Versorgungssicherheit manchmal dort beginnt, wo Menschen gemeinsam säen, ernte und teilen. 
 
 
 

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